{"id":598,"date":"2019-10-22T13:58:04","date_gmt":"2019-10-22T13:58:04","guid":{"rendered":"https:\/\/los-gelassen.de\/?p=598"},"modified":"2019-10-22T14:42:41","modified_gmt":"2019-10-22T14:42:41","slug":"das-leben-bemerken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/los-gelassen.de\/?p=598","title":{"rendered":"Das Leben bemerken"},"content":{"rendered":"<p>Der Herbst ist die Zeit f\u00fcr tiefere Gedanken und Gef\u00fchle. Wir alle kennen es:<br \/>\nIn Lebensstunden mit Tiefgang kommen uns manchmal Fragen in den Sinn, wie &#8222;was ist das Leben, was ist sein Sinn, woher kommen wir, warum sind wir hier, wohin gehen wir?&#8220;<br \/>\nDessen ungeachtet f\u00fchren die meisten Menschen eigentlich drei Leben parallel. Das eine absolvieren wir mehr oder weniger unlustig und nennen es Alltag. In ihm gibt es abwechselnd Langeweile, Freude und Leid. Das Leid speist sich h\u00e4ufig aus Gef\u00fchlen des Mangels, weil wir uns nicht genug geliebt, erkannt oder geachtet f\u00fchlen. Deshalb pflegen wir sorgsam ein zweites, nicht reales, in die Zukunft verschobenes &#8222;Leben&#8220;, das man auch als Hoffnung, Flucht oder Luftschloss bezeichnen k\u00f6nnte. In diesem Luftschloss werde ich eines Tages reich, erfolgreich und ber\u00fchmt sein, die gro\u00dfe Liebe finden oder erleuchtet sein. Das dritte Leben ist das l\u00e4ngst abgelebte einer Vergangenheit, an der wir innig festhalten, weil sie mit ihrem Kummer und unaufgel\u00f6stem Schmerz so schwer loszulassen ist.<br \/>\nSo aber vers\u00e4umen wir wartend und tr\u00e4umend das Wesentliche, das Jetzt. Wir merken nicht, dass das Leben uns jeden Tag und jeden Augenblick M\u00f6glichkeiten, Erfahrungen, Erlebnisse, Begegnungen und Gl\u00fcck schenken m\u00f6chte. Die franz\u00f6sische Schriftstellerin Colette res\u00fcmierte gegen Ende ihres Lebens: <em>&#8222;Was f\u00fcr ein herrliches Leben hatte ich. Ich w\u00fcnschte nur, ich h\u00e4tte es fr\u00fcher bemerkt.&#8220;<\/em><br \/>\nSo neigen wir dazu, uns aus dem oft vermeintlich grauen Alltag in eine vielversprechende Zukunft zu fl\u00fcchten, aber vor lauter Klammern an die Vergangenheit und Hoffnung auf die Zukunft verpassen wir die Gegenwart, das einzige was real ist und wirklich z\u00e4hlt. Denn lebendiges Leben ist nur der gegenw\u00e4rtige Augenblick.<br \/>\nIch m\u00f6chte nicht den Eindruck erwecken, dass ich Ziele und Tr\u00e4ume f\u00fcr falsch hielte, ganz im Gegenteil, denn sie geh\u00f6ren untrennbar zum Menschsein und sind wichtige Motoren f\u00fcr Entwicklung und Kreativit\u00e4t. Aber es geht um die Energie, die man den Dingen gibt. Das hei\u00dft, wenn man die Energie aus der Gegenwart, aus dem Jetzt nimmt und sie haupts\u00e4chlich in die Zukunft oder Vergangenheit leitet\u00a0 &#8211;\u00a0 letztere hat einen besonders starken Sog\u00a0 &#8211;\u00a0 dann werden wir unser Leben vers\u00e4umen und am Ende das nicht Gelebte bedauern. So wie das zahlreiche an ihrem Lebensende interviewte Menschen best\u00e4tigt haben.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns nicht immer aussuchen, was wir erleben, aber es ist allein unsere Entscheidung, wie wir den Geschehnissen begegnen. Wir haben die Wahl, unser Leben zu erleiden, uns als vermeintliches Opfer hilflos ausgeliefert zu f\u00fchlen und andere Menschen oder Gott verantwortlich zu machen, oder wir k\u00f6nnen uns als &#8222;Herren&#8220; \u00fcber unser Leben begreifen. Damit meine ich, dass wir z.B. aus Krankheiten und anderen sogenannten &#8222;Schicksalsschl\u00e4gen&#8220; Nutzen ziehen k\u00f6nnen. Vielen Menschen schenkt erst eine Krankheit die Zeit inne zu halten und vielleicht zum ersten Mal \u00fcber ihr Leben konstruktiv nachzudenken. Solche Erfahrungen bergen Gelegenheiten, dem Leben mehr Tiefe zu verleihen, ihm eine neue Richtung zu geben und sich gegebenenfalls von Dingen und Menschen zu trennen, die nicht mehr ins Leben passen und nicht gut tun.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, dass jeder von uns sein eigenes Leben &#8222;bemerkt&#8220; (Colette), entdeckt und lebt und nicht versucht, alte Erwartungen der Eltern oder ungesunde gesellschaftliche Normen zu erf\u00fcllen, um letztere auch noch zu festigen.<br \/>\nSelbstliebe, die man auch als konstruktive Ichbezogenheit bezeichnen k\u00f6nnte\u00a0 &#8211;\u00a0 nicht zu verwechseln mit Egoismus, Egozentrik oder gar Narzissmus\u00a0 &#8211;\u00a0 ist dringend und im Wortsinn notwendig. Was macht mich gl\u00fccklich und zufrieden? Was erf\u00fcllt mich? Welche Bed\u00fcrfnisse habe ich? Wie m\u00f6chte ich gerne leben? Das sind entscheidende Fragen. Wenn mir diese Selbstliebe gelingt, die als Zufriedenheit und innerer Friede sp\u00fcrbar ist, dann werde ich auch in der Lage sein, in positivem Sinn die Not von Mitmenschen wahrzunehmen, ohne in unt\u00e4tigem Mitleid zu versinken.<\/p>\n<p>Man stelle sich eine Welt vor, \u00fcberwiegend mit Menschen, die ihren inneren Frieden gefunden haben und deshalb zu&#8220;frieden&#8220;<em>,<\/em> gl\u00fccklich und engagiert sind. Es w\u00fcrde nicht lange dauern und es g\u00e4be keine Not mehr in unserer Welt. Weil wir nicht mehr manipulierbar w\u00e4ren, w\u00fcrden Hunger und Kriege verschwinden und auch der Krieg, den wir gegen unseren Heimatplaneten f\u00fchren, der unsere Lebensgrundlage ist.<br \/>\nVielleicht empfindet mancher Leser meine Welt- und Lebenssicht als zu simpel oder naiv, aber es ist machbar und letztlich \u00fcberlebensnotwendig.<br \/>\nMahatma Ghandi, der mit seinem Leben und Wirken gewaltlos das britische Weltreich bezwungen und damit Indien die Freiheit geschenkt hat, kann sicher nicht als naiv gelten: <em>&#8222;Sei du selbst die Ver\u00e4nderung, die du dir w\u00fcnschst f\u00fcr diese Welt.&#8220;<br \/>\n<\/em>Folgen wir dem, was unser Herz uns gebietet und w\u00e4rmen wir mit der Liebe, die wir in unserem Innersten sind, diese Welt, die sich uns so kalt und traurig pr\u00e4sentiert.<br \/>\nIch meine, daf\u00fcr sind wir hier und das ist der Sinn des Lebens.<\/p>\n<p><em>&#8222;Gib jedem Tag die Chance, der sch\u00f6nste deines Lebens zu werden.&#8220;\u00a0 <\/em>(Marc Twain)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Herbst ist die Zeit f\u00fcr tiefere Gedanken und Gef\u00fchle. Wir alle kennen es: In Lebensstunden mit Tiefgang kommen uns manchmal Fragen in den Sinn, wie &#8222;was ist das Leben, was ist sein Sinn, woher kommen wir, warum sind wir hier, wohin gehen wir?&#8220; Dessen ungeachtet f\u00fchren die meisten Menschen eigentlich drei Leben parallel. Das&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-598","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-los-gelassen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/598","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=598"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/598\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":609,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/598\/revisions\/609"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=598"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=598"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=598"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}