{"id":743,"date":"2021-01-17T17:01:03","date_gmt":"2021-01-17T17:01:03","guid":{"rendered":"https:\/\/los-gelassen.de\/?p=743"},"modified":"2021-01-22T11:10:44","modified_gmt":"2021-01-22T11:10:44","slug":"ludwig-van-beethoven-und-die-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/los-gelassen.de\/?p=743","title":{"rendered":"Ein Freigeist namens Beethoven"},"content":{"rendered":"<p>Ein Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Genetik erkl\u00e4rt seinen Studenten an Hand eines (nicht realen) Embryo, dass in dessen Genen folgende Krankheiten angelegt sind, die ausbrechen k\u00f6nnen oder auch nicht: Schwere Depressionen, Leberzirrhose, Taubheit und noch einiges mehr. Schlie\u00dflich l\u00e4sst er die Studenten abstimmen, ob der Embryo leben darf oder nicht. Die Mehrheit entscheidet sich f\u00fcr eine Abtreibung. Der Professor beendet die Vorlesung mit den Worten: &#8222;Meine Damen und Herren, Sie haben heute Ludwig van Beethoven abgetrieben.&#8220;<br \/>\nIch wei\u00df nicht, ob sich diese Szene tats\u00e4chlich an einer Uni ereignet hat, oder ob sie nur eine gut erfundene Anekdote ist. So oder so aber beleuchtet sie die Hybris des Menschen &#8211; gerade auch in unserer Zeit der genetischen Forschung &#8211; also die wissenschaftliche Anma\u00dfung zu entscheiden, welches Leben wert ist eine Zukunft zu haben und welches nicht.<br \/>\nHier geht es mir aber nicht vorrangig um eine ethische Frage, sondern um das wertvolle und ganz und gar nicht langweilige Leben eines der gr\u00f6\u00dften Genies der Musikgeschichte.<\/p>\n<p>Beethoven galt als Misanthrop. Aber er war kein Menschenfeind. Zu viel und zu regelm\u00e4\u00dfig trank er billigen Wei\u00dfwein. Der wurde damals mit &#8222;Bleizucker&#8220; ges\u00fc\u00dft, was nicht sehr bek\u00f6mmlich klingt. Man kannte die Giftigkeit von Blei noch nicht. Das Ergebnis waren fortschreitende Ohrprobleme, Depressionen, ungebremste Temperamentsausbr\u00fcche und schwer gesch\u00e4digte Organe, was die typischen Folgen einer Bleivergiftung sind, der er Jahrzehnte lang ausgesetzt war. Die Gene hatten vermutlich wenig mit seinen Krankheiten zu tun. Und es ist ein Wunder, dass er immerhin 56 Jahre alt wurde.<\/p>\n<p>Der kleine Louis van Beethoven wurde am 17. Dezember 1770 in Bonn am Rhein getauft. Sein Geburtstag ist nicht bekannt. Wegen der \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Kindersterblichkeit taufte man zeitnah, so dass davon auszugehen ist, dass er am 16. oder 17. Dezember diese Welt betrat.<br \/>\nDer gro\u00dfe Ludwig van Beethoven starb am 26. M\u00e4rz 1827 in Wien, die Stadt in der er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte und in die es so viele gro\u00dfe Komponisten zog. Zwischen diesen beiden Eckdaten seines Lebens schenkte er der Welt unfassbar sch\u00f6ne, unsterbliche und g\u00f6ttliche Musik. Letzteres ist w\u00f6rtlich zu verstehen, davon ein paar Zeilen weiter unten. Beethoven wurde exakt am Ende der Barockzeit geboren, die bis etwa 1770 dauerte. Mit vielen seiner Werke hat er in die Zukunft komponiert und vor allem mit seinem Sp\u00e4twerk war er seiner Zeit, dem des Barock nachfolgenden Klassizismus weit voraus.<\/p>\n<p>Mit 32 Jahren schrieb er sein sogenanntes &#8222;Heiligenst\u00e4dter Testament&#8220;, welches an seine Br\u00fcder adressiert war. Er war des Lebens auf Grund zahlreicher gesundheitlicher Einschr\u00e4nkungen und der beginnenden Taubheit \u00fcberdr\u00fcssig. Gl\u00fccklicherweise beschloss er um der Musik willen, doch am Leben zu bleiben. Das Testament beginnt mit den Worten: <em>&#8222;Oh ihr Menschen, die ihr mich f\u00fcr feindselig, st\u00f6rrisch oder misanthropisch haltet, wie unrecht tut ihr mir&#8230;&#8220;<\/em><br \/>\nIn Wien fand er in F\u00fcrst Karl von Lichnowsky einen Freund und G\u00f6nner mit Familienanschluss, der ihm in seinem Palais eine Wohnung zur Verf\u00fcgung stellte. Diese war nur eine von insgesamt 70 Adressen. Wenn Beethoven irgend etwas nicht passte, packte er sofort seine Sachen und zog um.<br \/>\nLichnowsky empfahl ihn an den Wiener Adel, damit er Klaviersch\u00fcler und Kompositionsauftr\u00e4ge bekam. Das war lebensnotwendig, da er kein bezahltes Amt hatte, wie z.B. Hofkapellmeister. Als er ein Angebot aus Kassel f\u00fcr eine Hofkapellmeisterstelle erhielt, trotzte er dem Wiener Adel einen Rentenvertrag \u00fcber j\u00e4hrlich 4000 Gulden ab, damit er in der Stadt bleibt. Der Coup gelang, der das Mehrfache der Kasseler Entlohnung war.<br \/>\nAls der F\u00fcrst den Freund 1896 bat, vor franz\u00f6sischen Offizieren Klavier zu spielen, empfand er das als Zumutung und schrieb: <em>&#8222;F\u00fcrst! Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, Was ich bin, bin ich durch mich. F\u00fcrsten gibt es tausende, Beethoven nur einen!&#8220;<\/em><br \/>\nDas war die unverbl\u00fcmte, nicht besonders diplomatisch vorgetragene Wahrheit eines Freigeistes und das Ende einer gro\u00dfen Freundschaft. Grunds\u00e4tzlich pflegte er sich deutlich und kompromisslos auszudr\u00fccken, so wie gegen\u00fcber dem F\u00fcrsten, aber auch ganz anders und geradezu gegenl\u00e4ufig: <em>&#8222;Gegen alle Menschen \u00e4u\u00dferlich nie die Verachtung merken lassen die sie verdienen, denn man kann nie wissen, wo man sie braucht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Beethoven war eine stadtbekannte Pers\u00f6nlichkeit. Trotz seiner robusten Art scheint er doch so etwas wie ein &#8222;Womanizer&#8220; gewesen zu sein. Er pflegte platonische und weniger platonische Liebschaften, vor allem in Adelskreisen. Sie alle hatten letztendlich keine Aussicht auf Erf\u00fcllung, weil sie am Standesunterschied scheiterten. Was heute den Bestand von Monarchien rettet, war damals ein &#8222;No Go&#8220;.<br \/>\nAber es gab die Eine, die die wichtigste in seinem Leben war und die er in einem Brief &#8222;Unsterbliche Geliebte&#8220; nannte. Er beginnt mit den Worten: <em>&#8222;Mein Engel, mein Alles, mein Ich!&#8220; <\/em>und endet: <em>&#8222;Ewig Dein, ewig mein, ewig uns!&#8220;<\/em> Welche der Damen tats\u00e4chlich die unsterbliche Geliebte war, wissen wir nicht. Aber Spekulationen sind erlaubt und Forschung f\u00fcr die Musikwissenschaft Pflicht. Es gibt eine Favoritin, da sind sich die meisten Beethoven-Forscher einig. Es ist die \u00f6sterreichisch-ungarische Gr\u00e4fin Josephine von Brunsvik. Beethoven war ihr und ihrer Geschwister Klavierlehrer. Der im 20. Jhdt. aufgefundene Briefwechsel, aber auch schriftlich festgehaltene Erinnerungen ihrer Schwester Therese legen auf Grund des Inhalts und der Wortwahl nahe, dass Josephine die Unerreichbare gewesen sein k\u00f6nnte, die seine Liebe auch erwiderte.<\/p>\n<p>Durch den Komponisten Johannes Brahms ist folgende Anekdote \u00fcberliefert, die ein\u00a0 Licht auf Beethovens Verh\u00e4ltnis zu Gott, zur Inspiration und sein Selbst- und Sendungsbewusstsein wirft: Er hatte ein eigenes Orchester. Als sein Konzertmeister sich anl\u00e4sslich der ersten Probe f\u00fcr ein neues Werk beim Meister \u00fcber eine Stelle in der Partitur beschwerte, die f\u00fcr die linke Hand des Geigers zu schwer zu spielen sei, herrschte Beethoven ihn an: <em>&#8222;Als ich diese Stelle schrieb war mir bewusst, von Gott dem Allm\u00e4chtigen inspiriert worden zu sein. Glauben Sie, ich kann Ihre winzige Fidel ber\u00fccksichtigen, wenn Er mit mir spricht?&#8220; <\/em>Und zur befreundeten Bettina von Arnim \u00e4u\u00dferte er in einem Brief: <em>&#8222;Ich wei\u00df, dass Gott mir n\u00e4her ist als anderen meiner Zunft. Ich verkehre mit ihm ohne Furcht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>War Beethoven tats\u00e4chlich &#8222;stocktaub&#8220;? Er hatte immer ein Konversationsheft bei sich, in das ihm Besucher schrieben, was sie zu sagen und zu fragen hatten. Der Meister antwortete m\u00fcndlich oder auch schriftlich. Von den ungef\u00e4hr 400 Heften sind 139 erhalten, die in der Berliner Staatsbibliothek und im Bonner Beethoven-Haus aufbewahrt sind.<br \/>\nVor einigen Jahren machte sich der amerikanische Musikwissenschaftler Theodore Albrecht von der Kent State University in Ohio auf den Weg nach Berlin und Bonn, um die verbliebenen Hefte ins Amerikanische zu \u00fcbersetzen. In Nr. 28 entdeckte er Erstaunliches. Dort gab Beethoven einem schwerh\u00f6rigen Besucher den Rat, mit H\u00f6rrohren vorsichtig zu sein, denn diese akustischen Verst\u00e4rker machten alles noch schlimmer: <em>&#8222;Durch deren Enthaltung habe ich mein linkes Ohr so ziemlich erhalten.&#8220; <\/em>Und Albrecht fand weitere 23 Belege, auch Aussagen von Zeitzeugen, dass Beethoven nicht total taub war. Was auch ein britischer Dirigent best\u00e4tigte, der ihn besuchte. Vom Arzt Gerhard von Breuning existiert eine Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 1826, in der er berichtet, dass bei Tisch seine kleine Schwester einen Schrei ausstie\u00df. Den geh\u00f6rt zu haben <em>&#8222;machte ihn <\/em>(Beethoven)<em> so gl\u00fccklich, dass er hell und freudig auflachte.&#8220;<br \/>\n<\/em>Albrecht stelle diese Erkenntnisse im Februar des Beethoven-Jahres 2020 zum 250. Geburtstag des Meisters w\u00e4hrend der Konferenz &#8222;Beethoven-Perspektiven&#8220; vor. Seine deutschen Kollegen hatten die Konversationshefte offenbar nicht oder nur fl\u00fcchtig gelesen. Nachdem sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse ganz generell nur langsam durchzusetzen scheinen, ist damit zu rechnen, dass Beethoven noch l\u00e4ngere Zeit als &#8222;stocktaub&#8220; gelten wird.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-753\" src=\"https:\/\/los-gelassen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/viennas-central-cemetery-3651244_960_720-2-200x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/los-gelassen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/viennas-central-cemetery-3651244_960_720-2-200x300.jpeg 200w, https:\/\/los-gelassen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/viennas-central-cemetery-3651244_960_720-2.jpeg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Meister starb am 26. M\u00e4rz 1827 in Wien w\u00e4hrend eines Gewitters. Dem Sarg folgten 25.000 Menschen und der Komponist Franz Schubert, der ihm ein Jahr sp\u00e4ter folgen sollte, war einer der Fackeltr\u00e4ger.<br \/>\nBeethoven ist der Komponist der Freiheit. Geistig den Ideen (nicht den Taten) der franz\u00f6sischen Revolution verpflichtet, schl\u00e4gt sich dieser nat\u00fcrlichste menschliche Drang in vielen seiner Kompositionen nieder. Die musikalische Kr\u00f6nung dieser allen Menschen innewohnenden Sehnsucht ist seine einzige Oper &#8222;Fidelio&#8220; und der letzte Satz der<br \/>\n9. Symphonie, die jubelnde\u00a0 &#8222;Ode an die Freude&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<em>&#8222;Musik ist h\u00f6here Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie&#8220;<br \/>\n<\/em>(Ludwig van Beethoven)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>&#8222;Von Herzen m\u00f6ge es wieder zu Herzen gehen&#8220;<\/em><br \/>\n(Beethovens Widmung seiner &#8222;Missa solemnis&#8220; an Erzherzog Rudolf)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr Genetik erkl\u00e4rt seinen Studenten an Hand eines (nicht realen) Embryo, dass in dessen Genen folgende Krankheiten angelegt sind, die ausbrechen k\u00f6nnen oder auch nicht: Schwere Depressionen, Leberzirrhose, Taubheit und noch einiges mehr. Schlie\u00dflich l\u00e4sst er die Studenten abstimmen, ob der Embryo leben darf oder nicht. Die Mehrheit entscheidet sich f\u00fcr eine Abtreibung&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-743","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-los-gelassen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=743"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/743\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":759,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/743\/revisions\/759"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/los-gelassen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}