{"id":792,"date":"2021-11-30T16:07:42","date_gmt":"2021-11-30T16:07:42","guid":{"rendered":"https:\/\/los-gelassen.de\/?p=792"},"modified":"2021-12-06T14:16:48","modified_gmt":"2021-12-06T14:16:48","slug":"single-wallfahrt-oder-der-himmel-ueber-altenstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/los-gelassen.de\/?p=792","title":{"rendered":"Single-Wallfahrt oder Der Himmel \u00fcber Altenstadt"},"content":{"rendered":"<p>In Altenstadt bei Schongau in Bayern steht die roman(t)ische Basilika St. Michael, auch als Wallfahrtskirche f\u00fcr die Singles bekannt, welche keine mehr sein wollen. Man muss also nicht nach Padua zum Hl. Antonius pilgern, um seinen Beziehungsstatus zu \u00e4ndern.<br \/>\nEs ist schon einige Jahre her, da fuhr einer aus meinem Freundeskreis nach Altenstadt und bald danach war er kein Single mehr. Das hat einigen alleinstehenden Frauen (wir sitzen auch manchmal) keine Ruhe gelassen. Unsere katholische und protestantische Restfr\u00f6mmigkeit zusammen kratzend fuhren wir im folgenden Fr\u00fchjahr bei Regen und Wind zur Basilika. Um es vorweg zu sagen und soweit ich es \u00fcberblicken kann\u00a0 &#8211;\u00a0 wir alle sind noch immer Singles. Vielleicht h\u00e4tten wir zu Fu\u00df und bei Sonnenschein pilgern sollen, wie es sich f\u00fcr anst\u00e4ndige Wallfahrer geh\u00f6rt. Nachher ist man immer schlauer&#8230;<\/p>\n<p>Es reicht! So kann das Elend nicht weiter gehen, dachte ich wehleidig und wollte wegen der nicht stattgefundenen Angelegenheit Ursachenforschung betreiben. Also machte ich mich auf den Weg zu einer Wallfahrt der ganz anderen Art. Selbstverst\u00e4ndlich bei Sonnenschein und zu Fu\u00df. Ich begab mich auf eine Astralreise. Das ist der Weg von unserer grobstofflichen Erde auf eine feinere geistige Ebene, auf der alles m\u00f6glich ist (scheint). Ich wollte erfahren, warum die &#8222;Engel der Zusammenf\u00fchrung&#8220;, die bei dem Freund gute Arbeit getan haben, bei uns Frauen so spektakul\u00e4r versagten. Diese Engel sind jene, die zwischen den potenziellen Partnern so lange hin und her flattern, bis alle Blockaden beseitigt sind, die diese beiden daran hinderten, sich zu finden. Vielleicht denkt Ihr, so viele Blockaden kann doch kein Mensch haben. Doch, er kann!<\/p>\n<p>Als ich das himmlische Amt der Zusammenf\u00fchrung auf einer ehemals altrosafarbenen Wolke endlich fand, l\u00e4utete ich. Niemand \u00f6ffnete, also trat ich herzklopfend ein. Mit dem Anblick, der sich mir bot, hatte ich allerdings nicht gerechnet. In einem d\u00e4mmerigen, renovierungsbed\u00fcrftigen Amtszimmer sa\u00dfen zahlreiche Engel mit ordentlich zusammengefalteten Fl\u00fcgeln auf ihren B\u00fcrost\u00fchlen oder lagen auf Klappbetten und schliefen, teilweise ziemlich laut. Es klang nicht angenehm. Engelsch\u00f6re hatte ich mir anders vorgestellt. Als ich n\u00e4her trat, sah ich, dass alle in fortgeschrittenerem Alter waren. Meine Annahme, Engel seien zeitlos, musste ich revidieren. Es sah aus, als wollten sie die Zeit bis zu ihrer Pensionierung schlafend \u00fcberbr\u00fccken.<\/p>\n<p>An den W\u00e4nden, die das letzte Mal im Mittelalter gestrichen worden waren, klebten zahlreiche vergilbte Fotoportr\u00e4ts, auf denen ich einige Gesichter erkannte. Angesichts dieses friedlichen Anblicks entfuhr es mir in gereiztem Unterton: &#8222;Also jetzt wundert mich gar nichts mehr, da k\u00f6nnen wir ja lange warten.&#8220;<br \/>\nPl\u00f6tzlich h\u00f6rte ich aus einer Ecke ein Ger\u00e4usch. Sollte einer der Engel gar erwacht sein?<br \/>\nAuf dem nackten Fu\u00dfboden fand ich einen gleichfalls schlafenden, gut gebauten und verdammt (wenn man dieses Wort im Himmel gebrauchen darf) gut aussehenden etwas j\u00fcngeren Engel, der zwischen den Knien einen Pfeil und einen Bogen eingeklemmt hielt.<br \/>\nUm FakeNews vorzubeugen, der Fu\u00dfboden war nackt und nicht der Engel.<\/p>\n<p>Ich versuchte ihn wachzur\u00fctteln, worauf er nicht reagierte. Also begann ich vorsichtig, ihm seine Arbeitsuntensilien zu entwenden. Sofort war er wach und auf den Beinen. &#8222;Was willst du denn hier?&#8220; herrschte er mich an und fragte g\u00e4hnend: &#8222;Kann man nicht einmal nach harter Arbeit ausruhen?&#8220;<br \/>\nPl\u00f6tzlich musterte er mich nachdenklich: &#8222;Du kommst mir bekannt vor.&#8220; Ich deutete stumm auf mein vergilbtes Foto an der Wand und bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick:<br \/>\n&#8222;Nach harter Arbeit sieht das hier aber nicht aus und wenn Ihr nicht bald aus den Federn kommt, fallen meine Freundinnen auch noch vom Restglauben ab.&#8220; Er reagierte erschrocken und gestand, dass er der einzige w\u00e4re, der noch seiner Aufgabe nachkomme, welche keine einfache sei, denn es g\u00e4be so viele Blockaden und die Menschen w\u00fcrden sich mit dem Loslassen von Vergangenem unglaublich schwer tun. Au\u00dferdem leide die Beh\u00f6rde unter Nachwuchsmangel, denn wer wollte denn heutzutage noch ein Arbeitsengel sein und ehrenamtlich einen so anstrengenden Job machen, nur f\u00fcr ein wenig Manna dann und wann. Die Chorengel h\u00e4tten keine Nachwuchssorgen, weil die ehemaligen Mitglieder von Opernch\u00f6ren, Kirchench\u00f6ren und Gesangsvereinen Schlange st\u00fcnden.<\/p>\n<p>Ich stoppte die Schilderung seines Leidensweges mit der Frage nach seinem Namen. &#8222;Wir sind 30 Engel und hei\u00dfen alle Zusiel,&#8220; Mein verst\u00e4ndnisloser Blick veranlasste ihn zu einer Erkl\u00e4rung: &#8222;Der Name ist eine Kombination aus unserem Job (Zusammenf\u00fchrung) und unserer g\u00f6ttlichen Herkunft, also &#8218;El&#8216;, wie z.B. Michael, Raphael, Gabriel. Wir sind durchnummeriert, ich bin Zusiel 28.&#8220; Tats\u00e4chlich hatte ich 27 Engel gez\u00e4hlt, er war der achtundzwanzigste. &#8222;Wo sind denn die beiden anderen?&#8220; Er wusste es nicht, aber so vorsichtig wie optimistisch meinte er: &#8222;Vielleicht sind sie in Oberbayern unterwegs.&#8220;<br \/>\n&#8222;Das glaubst auch nur du&#8220; grantelte ich respektlos und fragte, was denn sein letzter erfolgreicher Job gewesen sei. Man h\u00f6re und staune, er hatte Anton und Angelika mit seinem Pfeil erlegt und das habe ihn so ersch\u00f6pft, dass er seitdem schlafe. &#8222;Das ist aber schon Monate her&#8220; wagte ich einzuwerfen. Er streifte mich mit einem eisigen Blick, wie ich ihn einem Engel niemals zugetraut h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Trotz allem bot ich ihm aus einer Mischung aus Mitgef\u00fchl und Berechnung spontan eine Kneippkur in Bad W\u00f6rishofen zwecks Erholung an. Und mit fiesem Unterton erz\u00e4hlte ich ihm, dass Wissenschaftler festgestellt h\u00e4tten, der moderne europ\u00e4ische Mensch beherberge noch ungef\u00e4hr zwei bis drei Prozent Neandertaler in seinem Genpool. Zusiel 28 meinte, dass er das nicht glauben k\u00f6nne, weil die doch schon so lange ausgestorben sind. Da blickte mein innerer Neandertaler ihn spontan an. Zwei Prozent reichten, Zusiel 28 erschrak und trat einen Schritt zur\u00fcck. Ich erz\u00e4hlte ihm nat\u00fcrlich nicht, dass die Neandertaler, ganz im Gegensatz zur heutigen Menschheit, recht harmlose Leute waren. Hastig verk\u00fcndete er, dass er wenn er eh schon in der N\u00e4he ist, nach der Kneippkur sofort in unserer Region auf Singlepirsch gehen wolle, versprochen&#8230;<\/p>\n<p>P.S.<br \/>\nJahre sind vergangen und wir alle irren noch immer alleine in der Welt herum. Anton und Angelika haben sich l\u00e4ngst getrennt.<br \/>\nIch sorgte daf\u00fcr, dass die zusielige himmlische Beh\u00f6rde die Kurhausrechnung erhielt. Ein Zahlungseingang konnte in Bad W\u00f6rishofen allerdings nie festgestellt werden.<br \/>\nIch wei\u00df, dass es nicht sein sollte, aber manches Mal bin ich richtig nachtragend, um nicht zu sagen rachs\u00fcchtig. Deshalb bemalte ich ein Plakat mit einem Text, frei nach Dante&#8217;s<br \/>\n&#8222;Die g\u00f6ttliche Kom\u00f6die&#8220; und nagelte es an die wurmstichige T\u00fcre des himmlischen Zusammenf\u00fchrungsamtes:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8222;Ihr Singles, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Altenstadt bei Schongau in Bayern steht die roman(t)ische Basilika St. Michael, auch als Wallfahrtskirche f\u00fcr die Singles bekannt, welche keine mehr sein wollen. Man muss also nicht nach Padua zum Hl. 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