{"id":816,"date":"2022-03-05T17:41:38","date_gmt":"2022-03-05T17:41:38","guid":{"rendered":"https:\/\/los-gelassen.de\/?p=816"},"modified":"2022-03-06T09:58:09","modified_gmt":"2022-03-06T09:58:09","slug":"stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-keiner-geht-hin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/los-gelassen.de\/?p=816","title":{"rendered":"Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin"},"content":{"rendered":"<p>In diesen Tagen schlie\u00dfe ich manchmal die Augen und tr\u00e4ume mich hinein in diesen &#8222;Spontispruch&#8220; aus den Siebzigerjahren. Und ich sp\u00fcre, wie gut es sich anf\u00fchlen w\u00fcrde, wenn einer einen Krieg ausruft und keiner hinginge. Unsanft erwache ich in die Realit\u00e4t und erkenne, dass wir als Menschheitskollektiv noch nicht so weit sind. Vielleicht befinden wir uns noch immer im Untertanenmodus.<br \/>\nMehr als acht Milliarden Menschen und ein paar Diktatoren&#8230;<br \/>\nIch meine, dass die Menschheit in ihrer Geschichte schon genug Leute dieser hoffentlich bald aussterbenden Spezies ertragen hat.<br \/>\nImmer wieder einmal wird die Frage gestellt, ob wir aus der Geschichte lernen. Ich glaube nein, denn w\u00e4re es so, dann w\u00fcrde es schon sehr lange keine Kriege mehr geben.<\/p>\n<p>&#8222;Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin&#8220;\u00a0 &#8211; \u00a0 seinen Ursprung hat dieser herzerfrischende Satz in dem gro\u00dfen Antikriegsgedicht &#8222;Da gibt es nur eins!&#8220; von Wolfgang Borchert, der durch diesen Text und sein B\u00fchnenst\u00fcck &#8222;Drau\u00dfen vor der T\u00fcr&#8220; bekannt wurde. Er war Kriegsheimkehrer und starb 1947 mit nur 26 Jahren. Einige Tage vor seinem Tod schrieb er das Gedicht und am Tag nach seinem Tod erlebte das B\u00fchnenst\u00fcck seine Urauff\u00fchrung. Solche Gedanken konnte wohl nur ein Kriegsheimkehrer zu Papier bringen, der die Kriegsrealit\u00e4t (an der Front und im Gestapogef\u00e4ngnis) an Leib und Seele erfahren hat.<br \/>\nIch werde es weiter unten teilweise zitieren, denn es hat seine G\u00fcltigkeit nicht verloren und wird es auch nie (auch wenn unsere Welt heute eine andere geworden ist), so lange es Menschen gibt, die meinen Kriege anzetteln zu m\u00fcssen und Menschen, die ihnen folgen und jede verlogene Kriegspropaganda aus dem Lehrbuch f\u00fcr Kriegsf\u00fchrung glauben, obwohl sie es eigentlich besser wissen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Dieser Angriffskrieg mit seinen Herz zerrei\u00dfenden Bildern wird auch als &#8222;Bruderkrieg&#8220; bezeichnet. Zwei V\u00f6lker, die sich nahe sind und \u00e4hnlich\u00a0 &#8211;\u00a0 Kain und Abel. Zwei V\u00f6lker mit ungleichen milit\u00e4rischen M\u00f6glichkeiten\u00a0 &#8211;\u00a0 David und Goliath.<br \/>\nKriege erzeugen auch &#8222;Helden&#8220;, fragw\u00fcrdige und echte. Vor einigen Monaten meinte eine Frau in einem Stra\u00dfeninterview in Kiew &#8222;Wir haben einen Trottel zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt.&#8220;<br \/>\nDas sagt und denkt heute wohl niemand mehr. Abgesehen davon, dass der ukrainische Staatspr\u00e4sident nie ein Trottel war, sondern gelernter Jurist, sp\u00e4ter Schauspieler, Comedian, Drehbuchautor und Produzent. Auf das Angebot des US-Pr\u00e4sidenten, ihn zu evakuieren, lie\u00df er wissen, dass er Munition brauche und keine Mitfahrgelegenheit. Der Satz eines Helden f\u00fcr die Geschichtsb\u00fccher.<br \/>\nUnd da gibt es noch die anderen Heldinnen und Helden, die man Zivilbev\u00f6lkerung nennt und die sich dem russischen Milit\u00e4r mutig entgegen stellen. Diesem wiederum wurde suggeriert, wie zu erfahren war, dass es zu einer &#8222;\u00dcbung&#8220; ausr\u00fccken m\u00fcsse.<br \/>\nUnd auch in Russland gibt es mutige Menschen, die gegen diesen Krieg auf die Stra\u00dfe gehen, wohl wissend, dass sie sich der Gefahr aussetzen, verhaftet zu werden.<br \/>\nEine junge Mutter, die mit ihren kleinen Kindern Blumen vor der ukrainischen Botschaft in Moskau ablegt, wird mitsamt den Kindern verhaftet. Als ich das im Fernsehen sah, fielen mir spontan unsere traurigen querdenkenden Leute ein, die sich in einer Diktatur ohne Meinungsfreiheit w\u00e4hnen. Dass sie ungehindert jeden geistigen Unrat hinaus schreien d\u00fcrfen, merken sie nicht einmal. Darunter sind, man glaubt es kaum, &#8222;Putinversteher&#8220;, die allen Ernstes glauben, dass ihr Held kommt, um sie von der deutschen\u00a0 Diktatur zu befreien.<br \/>\nIch z\u00e4hle mich nicht zu den Putinverstehern und ich bin auch keine Psychologin, aber ich verstehe, dass ein gl\u00fccklicher und an Psyche und Geist gesunder Mensch weder Diktator wird, noch Kriege anzettelt.<\/p>\n<p>Laut aktuellen Umfragen haben 69 Prozent der deutschen Bev\u00f6lkerung Angst vor einem Krieg. Aber Angst ist kein guter Ratgeber und sie scheint mir auch unbegr\u00fcndet, denn das russischen Milit\u00e4r steht vor Kiew und nicht vor Berlin.<br \/>\nWas wir jetzt brauchen ist Mitgef\u00fchl, Empathie und nicht Angst. Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Menschen in der Ukraine, Mitgef\u00fchl aber auch mit den Russinnen und Russen, von denen die meisten sich Freiheit und Demokratie w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>So viele Menschen weltweit \u00f6ffnen ihre Herzen angesichts der Schreckensbilder und beeindrucken mit Mitgef\u00fchl und t\u00e4tiger Hilfe und bekunden demonstrierend auf den Stra\u00dfen der St\u00e4dte der Welt ihre Ablehnung dieses Kriegsgeschehens und von Krieg generell.<br \/>\nEs ist Zeit, die Kostbarkeit des Lebens in Frieden und Freiheit mit Dankbarkeit zu sp\u00fcren und zu feiern.<br \/>\nUnd mit diesem guten Gef\u00fchl geben wir Angst und Wut keinen Raum und k\u00f6nnen Gedanken des Friedens und der Liebe in das Kriegsgeschehen senden.<\/p>\n<p>Hier der kurze Auszug aus dem Gedicht von Wolfgang Borchert, das im Original zwei Seiten lang ist:<\/p>\n<p><em>Du Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt.<br \/>\nWenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kocht\u00f6pfe mehr machen, sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur ein: Sag NEIN!<br \/>\nDu Forscher im Laboratorium.<br \/>\nWenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!<br \/>\nDu Dichter in deiner Stube.<br \/>\nWenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins: Sagt NEIN!<br \/>\nDu Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins: Sagt NEIN!<br \/>\nDu Mutter<br \/>\nin der Normandie und Mutter in der Ukraine, du Mutter in Frisco und London, du am Hoangho und am Mississippi, du Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo\u00a0 &#8211;\u00a0 M\u00fctter in allen Erdteilen, M\u00fctter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder geb\u00e4ren, Krankenschwestern f\u00fcr Kriegslazarette und neue Soldaten f\u00fcr neue Schlachten, M\u00fctter in der Welt, dann gibt es nur sein: Sagt NEIN!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen schlie\u00dfe ich manchmal die Augen und tr\u00e4ume mich hinein in diesen &#8222;Spontispruch&#8220; aus den Siebzigerjahren. Und ich sp\u00fcre, wie gut es sich anf\u00fchlen w\u00fcrde, wenn einer einen Krieg ausruft und keiner hinginge. 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